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Die Redebeiträge der Kundgebung „Keine Macht der AfD“

Foto: Ole Widekind

Am 13. September kamen trotz schlechten Wetters rund 3.000 Menschen vor dem Erwin-Piscator-Haus zur Kundgebung „Keine Macht der AfD“ zusammen. In unserem ersten Rückblick haben wir vor allem all jenen gedankt, die diesen Tag möglich gemacht haben.

Doch die Kundgebung lebte nicht nur von der großen Zahl der Menschen, die gekommen waren. Auf der Bühne kamen sehr unterschiedliche Perspektiven zu Wort: Es ging um Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt, um Ableismus und Inklusion, Migration und Zugehörigkeit, Bildung, soziale Gerechtigkeit, Feminismus und queeres Leben – und um die Frage, wie eine demokratische Gesellschaft auf rechtsextreme Bestrebungen reagieren sollte.

Wir möchten deshalb noch einmal auf die Inhalte der Reden zurückblicken. Die folgenden Abschnitte geben die zentralen Gedanken der Redebeiträge in verkürzter Form wieder. Die vollständigen Redemanuskripte können am Ende des Artikels nachgelesen und heruntergeladen werden.

Thomas Spies: Respekt und demokratische Verantwortung

Thomas Spies eröffnete seinen Beitrag mit einem Verweis auf Bijan Moinis Roman „2033“, der beschreibt, wie demokratische Strukturen mit weitgehend legalen Mitteln schrittweise ausgehöhlt werden können. Für Spies steht dem die Menschenwürde als Grundlage einer demokratischen Gesellschaft gegenüber. Demokratie, so sein Gedanke, brauche Menschen, die demokratische Institutionen nicht nur nutzen, sondern deren Werte auch tragen.

Zugleich warnte er davor, Wähler*innen rechtsextremer Parteien pauschal abzuwerten oder zu beschimpfen. Demokratische Politik müsse gesellschaftliche Veränderungen erklären, unterschiedliche Interessen ernst nehmen und sich stärker mit dem verbreiteten Gefühl mangelnder Gerechtigkeit auseinandersetzen. Im Zentrum seiner Rede stand deshalb der Begriff Respekt: im persönlichen Umgang ebenso wie in Politik und Institutionen. Demokratische Kräfte von links bis bürgerlich-konservativ müssten bei allen politischen Unterschieden die gemeinsame Verantwortung für ein funktionierendes Gemeinwesen im Blick behalten.

Dörte Severin und Helke Klein: Inklusion ist ein Menschenrecht

Dörte Severin und Helke Klein widmeten ihre Rede der Situation von Menschen mit Behinderung. Ausgangspunkt war die Vorstellung einer solidarischen Gesellschaft, in der Behinderung nicht dazu führt, Menschen als Belastung oder Problem wahrzunehmen. Im Mittelpunkt ihrer Kritik standen insbesondere Aussagen und Forderungen der AfD zur schulischen Inklusion. Sie stellten diesen die Forderung nach guten Rahmenbedingungen für gemeinsames Lernen und gesellschaftliche Teilhabe gegenüber.

Auch der politische Sprachgebrauch gegenüber Menschen mit Behinderung spielte in ihrer Rede eine zentrale Rolle. Severin und Klein zogen dabei historische Bezüge zur Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung und warnten davor, sie erneut aus gesellschaftlichen Bereichen herauszudrängen. Ihre zentrale Botschaft: Inklusion und selbstbestimmte Teilhabe seien kein verzichtbares gesellschaftliches Projekt, sondern ein Menschenrecht. Menschen mit Behinderung bräuchten die Solidarität von Zivilgesellschaft und Politik.

Sylvie Cloutier, Ibrahim Shaheen und Dima Mukha: „Wir sind hier. Wir bleiben hier.“

Für den Ausländerbeirat Marburg sprachen Sylvie Cloutier, Ibrahim Shaheen und Dima Mukha gemeinsam. Sie beschrieben Rechtsextremismus als Gefahr für Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder anderer Merkmale nicht in ein enges gesellschaftliches Weltbild passen. Dabei erinnerten sie auch an frühere Proteste gegen sogenannte „Remigrations“-Pläne und griffen den damaligen Satz wieder auf: „Wir sind hier. Wir bleiben hier.“

Die drei Redner*innen machten zugleich deutlich, dass Ausgrenzung nicht erst mit politischen Programmen beginnt. Sie zeige sich auch im Alltag – etwa bei der Wohnungssuche, im Berufsleben oder in der immer wieder gestellten Frage, woher jemand „wirklich“ komme. Ibrahim Shaheen warnte zudem vor einer Sprache, die Menschen abwerte und entmenschliche.

Am Ende stellten Cloutier, Mukha und Shaheen ihre unterschiedlichen religiösen Hintergründe bewusst nebeneinander: katholisch, jüdisch und muslimisch – und dennoch gemeinsam Teil derselben Stadt und derselben Gesellschaft. Zugehörigkeit dürfe nicht von Namen, Herkunft oder Religion abhängig gemacht werden. Aus dem früheren „Wir sind hier. Wir bleiben hier“ wurde deshalb: „Wir sind hier. Wir bleiben hier. Und wir sind immer noch da!“

Ulf Immelt: Soziale Sicherheit und Demokratie zusammendenken

Ulf Immelt von der DGB-Region Mittelhessen nahm die Perspektive der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung ein. Dabei erinnerte er zunächst an die Verfolgung von Gewerkschafterinnen, Sozialdemokratinnen und Kommunist*innen während des Nationalsozialismus. Für den Umgang mit dem heutigen Rechtspopulismus verwendete er das Bild einer demokratischen Feuerwehr: Es gehe darum, Brände zu löschen – noch wichtiger sei aber der vorbeugende Brandschutz.

Dazu gehöre für ihn die Frage, welche gesellschaftlichen Bedingungen Rechtspopulismus begünstigen. Immelt rückte vor allem soziale Ungleichheit, Abstiegsängste, Arbeitsplatzverluste und die Zukunft sozialer Sicherungssysteme in den Mittelpunkt. Seine Schlussfolgerung war eine Doppelstrategie: Rechtsextremen Positionen müsse unmittelbar widersprochen werden; zugleich müsse eine demokratische Gesellschaft soziale Sicherheit und Arbeitnehmerrechte stärken.

Marylin Prange: Schule als Ort gelebter Demokratie

Marylin Prange, Lehrerin und Mitglied der Bildungsgewerkschaft GEW, stellte die Bildungspolitik in den Mittelpunkt. Schule sei weit mehr als ein Ort, an dem Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelt werden. Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft, Lebensweisen und Voraussetzungen begegneten sich dort und lernten miteinander. Ihre Kritik richtete sich deshalb insbesondere gegen politische Vorstellungen, die stärker auf Trennung statt auf gemeinsames Lernen setzen.

Prange sprach über Integration und Inklusion, über Unterstützungssysteme an Schulen und über Forderungen nach einer stärkeren „Nationalidentität“. Kritisches Denken bezeichnete sie als wesentliches Bildungsziel. Demokratische Bildung bedeute, jungen Menschen zu vermitteln, wie Demokratie und Grundrechte funktionieren und weshalb Menschenwürde, die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte sowie der Widerspruch gegen Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit Teil schulischer Bildung sein müssen.
Ihr Schluss richtete den Blick auf Bildungsgerechtigkeit: Die Zukunft von Kindern werde nicht besser, indem man sie voneinander trenne, sondern indem man ihnen unabhängig von ihren Ausgangsbedingungen Chancen eröffne.

Carola Unser-Leichtweiß: Der Angst nicht das letzte Wort lassen

Carola Unser-Leichtweiß von der AG Feminismus sprach sehr persönlich über Angst und Verunsicherung angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen. Im Mittelpunkt standen Menschen, die aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Behinderung oder sexueller und geschlechtlicher Identität Diskriminierung erfahren. Dem stellte sie Artikel 3 des Grundgesetzes und die gesellschaftlichen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte gegenüber – etwa bei Frauenrechten, der rechtlichen Gleichstellung homosexueller Paare und der Selbstbestimmung von trans-, inter- und nichtbinären Menschen.

Gleichzeitig warnte sie vor einem gesellschaftlichen Rückschritt bei Gleichberechtigung, Frauenrechten und der Akzeptanz queeren Lebens. Doch Angst sollte ausdrücklich nicht das letzte Wort ihrer Rede behalten. Unser-Leichtweiß entwarf stattdessen das Bild einer Gesellschaft, in der Menschen sich respektiert und willkommen fühlen, Sorgearbeit gerechter verteilt wird, von Gewalt betroffene Frauen Schutz erhalten und unterschiedliche Familien- und Lebensformen selbstverständlich dazugehören.

Zum Schluss plädierte sie für gesellschaftliches Gespräch, Perspektivwechsel und gemeinsames Handeln – zugleich aber für klare Grenzen gegenüber rechtsextremen Positionen. Freiheit verstand sie dabei nicht nur individuell, sondern auch als Möglichkeit, solidarisch füreinander einzustehen.

Lothar Klein: Demokratie ist nicht selbstverständlich

Den letzten Redebeitrag hielt Lothar Klein für die Initiative Demokratische Zukunft Marburg. Er begann mit einer persönlichen Erinnerung an seine Jugend: Protest gegen Wehrpflicht und Vietnamkrieg, die Studentenbewegung, lange Haare und die Rolling Stones – und eine Demokratie, die ihm damals selbstverständlich erschien. Jahrzehnte später, so Klein, sehe er diese Selbstverständlichkeit nicht mehr.

Er beschäftigte sich anschließend ausführlich mit der Strategie und politischen Programmatik der AfD und mit der Frage, wie Zivilgesellschaft darauf reagieren sollte. Dabei formulierte er vier Handlungsfelder: menschenverachtenden Aussagen widersprechen, von demokratischen Parteien sozialere und gerechtere Politik einfordern, sich zivilgesellschaftlich organisieren und sich für ein Verbotsverfahren gegen die AfD einsetzen.

Sein Schluss richtete sich erneut an die Zivilgesellschaft. Demokratische Widerstandsfähigkeit hänge auch davon ab, ob Menschen sich organisieren, Betroffenen beistehen und langfristig engagiert bleiben. Gleichzeitig lenkte er den Blick über die unmittelbare Abwehr hinaus auf die Vorstellung einer gestärkten und lebendigeren Demokratie.

Unterschiedliche Perspektiven – eine gemeinsame Frage

Die Reden der Kundgebung setzten sehr unterschiedliche Schwerpunkte. Gerade darin zeigte sich aber auch eine zentrale Frage des Nachmittags: Was bedeutet es konkret, Demokratie zu verteidigen und gleichzeitig die Gesellschaft zu gestalten, in der wir leben wollen?

Die Antworten reichten von sozialer Gerechtigkeit und Bildung über Inklusion, Gleichberechtigung und Zugehörigkeit bis hin zu zivilgesellschaftlichem Engagement und den Instrumenten einer wehrhaften Demokratie.

Die Musik von Jens Flach sowie Rey & Raw verband diese unterschiedlichen Beiträge und Perspektiven miteinander. Und die rund 3.000 Menschen vor der Bühne machten sichtbar, dass diese Diskussion nicht nur dort geführt wird, sondern mitten in der Stadtgesellschaft.

Alle Reden findet ihr hier als Download

Wer die Beiträge vollständig nachlesen möchte, findet hier die Redemanuskripte der Kundgebung:

Bei den veröffentlichten Texten handelt es sich um die uns vorliegenden Redemanuskripte. Das tatsächlich gesprochene Wort kann davon abweichen.